Forschungsstelle für biographische Religionsforschung
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Dissertationsprojekt Stefan v. Hoyningen-Huene

Religiosität bei rechtsextrem orientierten Jugendlichen

Die Untersuchung wurde im Mai 1996 unter Förderung durch das Graduiertenkolleg "Religion in der Lebenswelt der Moderne" am FB Theologie der Universität Marburg begonnen, unter gemeinsamer Betreuung von Prof. Dr. Ulrich Schwab (jetzt Universität München) und Prof. Heinz Streib, Ph.D. im Oktober 2000 abgeschlossen und im Sommer 2001 in der Fakultät für TGKM der Universität Bielefeld als Dissertation eingereicht.

Fragestellung
Ausgangspunkt des Forschungsprojekts ist die Frage, wie sich rechtsextrem orientierte Jugendliche in der Lebenswelt der Moderne orientieren, wie sie Sinnfragen bearbeiten und beantworten. Dabei lag der Fokus auf der Frage nach der lebenspraktischen Bedeutung von Religiosität bei der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben und Adoleszenzkrisen sowie nach den konkreten Formen und Funktionen von Religiosität in der Lebenspraxis Jugendlicher unter Bedingungen verschärfter Modernisierung. Dabei wurde ein Religionsbegriff zugrunde gelegt, der über christliche Religion hinaus auch andere Religiosität in den Blick bekommt – bis hin zu der Frage, ob und inwiefern rechtsextreme Ideologie selbst religiöse Züge annehmen kann.

Design und Methoden
Verschiedene Erhebungs- und Auswertungsmethoden wurden kombiniert: es wurden problemzentrierte Interviews (vgl. Witzel 1982) mit 16 rechtsextremen männlichen Jugendliche geführt; um Tiefe und Breite der Analyse zu erweitern wurden Dokumente aus dem Umfeld rechtsextremer Jugendlicher (Fanzines, Web-Seiten, Songtexte, Schriften von rechtsextremen Jugendorganisationen und andere Printmedien) hinzugezogen. Bei den Interviews wurden zur Interpretation u.a. sequenzanalytische Verfahren (vgl. Oevermann 1979) angewandt. Die Dokumente wurden mittels qualitativer Inhaltsanalyse in Anlehnung an Mayring (1997) ausgewertet. Die Einbeziehung von Dokumenten aus dem Umfeld rechtsextrem orientierter Jugendlicher erlaubte die Erfassung vielfältiger Formen von Religiosität und damit die Beschreibung von unterschiedlichen Profilen. Aus den Fallstudien konnte eine Rekonstruktion der Funktion und Bedeutung von Religion in der Lebenspraxis der Jugendlichen erhoben werden.

Ergebnisse
Ein Ergebnis der Untersuchung besteht in der Erkenntnis, dass das Vorhandensein von Religiosität bei Jugendlichen dem Auftreten rechtsextremer Deutungsmuster nicht entgegensteht und keine Form der Religiosität dazu in der Lage ist, die Übernahme rechtsextremer Ideologieelemente zu verhindern, vielmehr – entsprechend dem Faktum, dass in Geschichte und Gegenwart vielfältige Verbindungen von Rechtsextremismus und Religion festgestellt werden können – weisen bestimmte Formen von Religion, wie die neuheidnisch-germanische Religion in besonderer Weise, Affinitäten zur rechtsextremen Ideologie auf, was sich z.B. im verstärkten Auftreten von Odinismus bei rechten Skinheads äußert.

Die in der Untersuchung erhobenen Formen von Religiosität konnten in "Profile von Religiosität rechtsextremer Jugendlicher" typologisiert werden, die sich im Blick auf religiöse Praxis und religiöses Erleben, im Blick auf ihre Funktionalität insbesondere für Sinnfindung, Identitätskonstitution und Orientierung sowie im Blick auf ihr Verhältnis zur rechtsextremen Orientierung und zum sozialen Ort der Übernahme der jeweiligen religiösen Vorstellungen unterscheiden.


Diskussion
Der Antimodernismus bildet in vielen Fällen ein konstitutives Moment sowohl der religiösen wie der politischen Orientierung. Wie die Übernahme rechtsextremer Deutungsmuster können auch die religiösen Vorstellungen rechtsextremer Jugendlicher als regressives Ausweichen vor den Zumutungen der Moderne, des Wahlzwangs in der pluralisierten Gesellschaft, bewertet werden. Aus der Sichtweise dieser Jugendlichen scheint die Mystifizierung von Geschichte und Politik die attraktivere Alternative zu sein.

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